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Handy am Steuer = Ungeheuer

Handy am Steuer = Ungeheuer

Handy am Steuer = Ungeheuer„Der Happy-Song macht mich so Glücklich“, postet Caroline Courtney an einem Aprilmorgen auf Facebook. Eine Minute nachdem Sie diesen Post veröffentlicht hat, ist die 32-Jährige Frau tot. Gestorben bei einem Zusammenstoß mit einem Mülltransporter. Der Unfall ereignete sich, weil Caroline im Blindflug in ihrem Auto über den Mittelstreifen gerollt ist. Vor zwei Jahren ging dieser tragische Unfall um die Welt. Heute ist diese Geschichte leider kein Einzelfall mehr.

Das Smartphone ist nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Beim Essen liegt das Telefon auf dem Tisch, in der Straßenbahn sind die meisten Köpfe nach unten geneigt und sogar auf der Toilette ist das Handy zum normalen Zeitvertreib geworden. Wenn das Handy in jeder Gelegenheit griffbereit ist, bleibt es auch am Steuer nicht weit entfernt.

Unterschätzte Gefahr

Viele machen sich dabei nicht bewusst, wie gefährlich es tatsächlich ist. Wer bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h zwei Sekunden auf sein Handy schaut, ist 30 Meter im Blindflug. Und das ist nur die Zeit die wir nicht auf die Straße gucken. Die Zeitspanne die unser Gehirn abgelenkt ist, also dem Verkehrsgeschehen nicht die volle Aufmerksamkeit bietet, ist viel länger. Unser Gehirn hat ohnehin schon so viel zu verarbeiten. Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor:

Sie sind mit dem Auto in der Stadt unterwegs. Sie sehen einen Radfahrer und vor Ihnen fährt ein rotes Cabrio, an dessen Steuer eine hübsche Frau sitzt. In einiger Entfernung befindet sich eine rote Ampel. Im Radio kommt eine Blitzerwarnung, Sie gucken auf die Geschwindigkeitsanzeige: 60 km/h. Sie bremsen. In diesem Moment klingelt Ihr Handy und die Ampel schaltet gerade auf grün, Sie biegen ab. Es rummst – denn was Sie vergessen haben, ist Ihre erste Wahrnehmung: der Radfahrer.

Auch der Volkswagen geht offensiv mit dem Thema um. Also, wenn das Gedankenspiel nicht überzeugt hat, seht euch folgenden Clip an:

Ein Risiko, das sich auch in Zahlen Bemerkbar macht. Seit 2014 steigt die Zahl der Unfälle an. Auch wenn in den meisten Statistiken, wie zum Beispiel vom statischen Bundesamt, die Handynutzung als Unfallursache noch nicht aufgeführt wird. Experten gehen von einem starken Zusammenhang von dem Handygebrauch am Steuer, zu den steigenden Unfallzahlen aus.

Alkoholisiert oder abgelenkt – unterm Strich ähnlich

Viele vergleichen die Ablenkung durch ein Handy im Straßenverkehr mit einer alkoholisierten Fahrt. Und das stimmt – zumindest wenn man sich auf die Auswirkungen beschränkt. Telefonieren ohne Freisprechanlage ist mit einer alkoholisierten Fahrt von 0,8 Promille zu vergleichen, das Schreiben von Textnachrichten ist mit 1,1 Promille zu vergleichen. Völlig gegensätzlich ist aber, wie die Gesellschaft den Handygebrauch am Steuer sieht. Wer trinkt und fährt, hat einen schweren Stand in der Öffentlichkeit. Fahren und schreiben ist hingegen ein Kavaliersdelikt. Jeder zweite Autofahrer gibt zu, gelegentlich bei der Fahrt das Handy zu benutzen. Bei unter 24-Jährigen verdoppelt sich diese Zahl sogar nochmal.

Unfälle, wie der von Caroline Courtney, präventive Werbespots oder auch Aktionen wie „Kopf hoch: das Handy kann warten“ vom Radiosender N-Joy, ändern das Meinungsbild in der Öffentlichkeit. Eventuell ist aber auch das mit dem Alkohol am Steuer zu vergleichen: In den Siebzigern war es auch noch ganz normal nach dem Genuss von drei, vier Gläsern Wein mit dem Auto nach Hause zu fahren – heute undenkbar. Überholt hat das Handy den Alkohol bereits in den Unfallzahlen.

Eine Studie die im Auftrag der Allianz Versicherungs AG aufgegeben wurde, ermittelte, dass zehn Prozent der Unfalltoten in Deutschland aufgrund von Ablenkung verunglücken. Bei 3500 Menschen die im Schnitt seit 2012 auf deutschen Straßen ums Leben kommen, sind das 350 Unfallopfer aufgrund von Ablenkung. Zum Vergleich: Bei alkoholbedingten Unfällen kamen 256 pro Jahr ums Leben. Zugegeben – diese Zahlen lassen sich nicht 1 zu 1 auf Ablenkung durch Handys ableiten. In der Studie kann die Ablenkung auch durch das Navigationsgerät oder den Bordcomputer hervorgerufen sein. Nichtsdestotrotz ist die Tendenz klar. Ablenkung ist ein nicht zu unterschätzendes Kriterium für die Sicherheit.

Gesetze haben zu viele Grauzonen

Handy als Navigationssystem

Rein rechtlich gibt es keine Klarheit. Schon das Berühren des Smartphones bei eingeschaltetem Motor ist eine Straftat – denken zumindest viele. Wer sein Handy aber aus dem Fußraum holt, weil es dort hingefallen ist, muss mit keiner Strafe rechnen.

Die deutschen Gerichte haben sich schon in vielen verschiedenen Fällen mit diesem Thema auseinandergesetzt. Sodass man sich bereits an bestehenden Urteilen orientieren kann, was erlaubt ist und was nicht. Bei der folgenden Auflistung ist nicht jedes Urteil nachvollziehbar. Dabei wird aber auch eben schnell klar, dass die Rechtsprechung nicht immer für Sicherheit steht. Mit anderen Worten: Nicht jedes „erlaubte Verhalten“ ist auch gleichzeitig sicher oder verantwortungsvoll.


Tätigkeit Erlaubt? Begründung:
Telefonieren mit Freisprechanlage ja Wenn das Mobiltelefon während zum Telefonieren nicht in der Hand gehalten werden muss, ist dies zulässig. (§ 23 Abs. 1a StVO)

Bei einem Unfall muss aber damit gerechnet werden, dass die Leistungspflicht der Kfz-Versicherung eingeschränkt wird.
(Quelle: LG Frankfurt, Az. 2/23 O 506/600)
Handybildschirm ablesen nein Selbst ein Blick um die Uhrzeit zu erfahren ist verboten, weil dazu das Handy während der Fahrt benutzt wird
(Quelle: OLG Hamm Az. 2 Ss OWi 177/05, 2 Ss OWi 1005/02, 2 Ss OWi 402/06)
Einen Anruf ablehnen „wegdrücken“ nein Wer während der Fahrt einen Anruf nicht annehmen möchte und ihn dafür wegdrückt, muss berechtigterweise mit einem Bußgeld rechnen, weil das Hand dafür bedient werden muss.
(OLG Köln Az. III-1 RBs 39/12)
Telefonieren auf dem Standstreifen der Autobahn nein Hier kommt zum Delikt des unzulässigen Telefonierens, auch das Halten auf dem Standstreifen hinzu. Dies ist nämlich ohne besonderen Grund auch nicht erlaubt.
(OLG Düsseldorf, Az. IV-2 Ss OWi 84/08)
Musik hören auf dem Handy ja Sobald man das Handy festhält, gilt dies als Benutzung. Ergo: Wer beim Musik hören das Handy hält benutzt es. Wer aber nur die Musik abspielt, ohne das Handy zu berühren, hat nichts zu befürchten.
(OLG Hamm, 18.02.2013 – III-5 RBs 11/13)
Telefon aufheben, nachdem es runtergefallen ist ja Nach Entscheidung des Oberlandesgerichts Bamberg, gibt es wenn das Handy runtergefallen ist und dann lediglich aufgehoben wird, kein Bußgeld.
(OLG Bamberg, Az. 3 Ss OWi 452/07)
Das Handy als Navigationsgerät benutzen ja Wer sein Handy während der Navigation nicht in der Hand hält, handelt nicht rechtswidrig.
Mobiltelefon an den Beifahrer geben ja Wenn das klingelnde Handy aus der Tasche genommen wird, um es an den Beifahrer weiterzugeben, ist nicht von einem Fehlverhalten auszugehen – sofern dabei nicht auf das Handydisplay geschaut wird.
(OLG Köln, Az. III-1 RBs 284/14)
An der roten Ampel telefonieren wenn der Motor abgeschaltet ist ja Sobald das Auto zum Stillstand kommt und der Motor ausgeschaltet ist, darf an einer roten Ampel telefoniert werden. Hierzu genügt es auch, wenn sich der Motor durch eine Start-Stop-Automatik abgeschaltet.
(OLG Hamm, Az. 2 Ss OWi 190/07)
Handybenutzung im Stau Je nach Situation Grundsätzlich gilt: Wer sein Handy im Stau nutzen will, muss den Motor abstellen und darf sich nicht mit dem Auto bewegen. Falls es nur mit Stop & Go weiter geht, scheidet das Handy leider aus.

Auf dieses Thema sind wir bereits in unserem Blogbeitrag „Spielregeln im Stau“ näher eingegangen.

Die Entscheidungen haben aber nichts damit zu tun, ob es das Beste für die Sicherheit ist. Besonders Urteile, wie das mit dem heruntergefallene Handy, zeigen das Recht und Sicherheit häufig nicht in die gleiche Richtung zielen.

Snapchat, Instagram, Whats App und Facebook – wer hat sich schon mal dabei ertappt, eine dieser Apps während der Fahrt benutzt zu haben? Egal ob die Polizei gerade hinsieht, oder nicht. Am Ende muss sich jeder die Frage stellen, was man verantworten will und wie wichtig der nächste Post oder die empfange Nachricht ist.

tl;dr

Handy am Steuer ist gefährlicher als betrunken zu fahren